Macht uns ein schnelleres Leben krank?

In den letzten 10 Jahren hat sich die Menge der verschriebenen Psychopharmaka verdoppelt, darunter Medikamente gegen Depressionen, Beruhigungsmittel, Tabletten für hyperaktive Kinder. Der Anteil psychisch kranker unter den Frührentnern ist deutlich gestiegen. Der Münchner Professor für Psychosomatik, Peter Henningsen, betrachtet diese Zahlen allerdings auch mit Vorsicht. 

Er sieht zwar durchaus einen bestehenden Zusammenhang mit dem gestiegenen Arbeitsdruck, aber er wertet die Umsatzsteigerung bei den Psychopillen auch als Ergebnis einer guten Marketingarbeit der Pharmafirmen. Außerdem seien seelische Krankheiten lange Zeit ein Tabu gewesen. Die Diagnosehäufigkeit von psychischen Störungen in den Statistiken, z.B. als Gründe für Arbeitsunfähigkeit, für Frühberentung etc., erhöhten sich in den letzten Jahren stark. Aber das liegt daran, dass sie inzwischen wesentlich besser erkannt werden, dass es eine höhere Bereitschaft gibt, darüber zu sprechen und dass eine Umverteilung in den Diagnosen stattgefunden hat. Früher waren Rückenschmerzen ein muskuläres oder skelettales Problem, heute wird es doch zu Recht im Bereich der psychischen Störungen verortet.

Es ist auch nicht generell ein hohes Arbeitstempo das krank macht, so der Mediziner, denn das empfindet jeder anders. Und dann gibt es ja noch bestimmte Antistress-Strategien, die der eine besser und der andere schlechter beherrscht.

Das klingt so, als könne jeder einzelne jederzeit das Hamsterrad bremsen. Tatsächlich bieten viele Firmen entsprechende Seminare an. Mitarbeiter sollen dort Zeitmanagement und Stressbewältigung lernen. Wer also trotzdem im Hamsterrad gefangen bleibt, ist selbst schuld?

Nein! sagt der Soziologe Hartmut Rosa. Depressionen haben viele Ursachen und Auslöser. Ein großer Risikofaktor im Alltag ist das Gefühl, keine Kontrolle über das Aufgabenpensum zu haben. Der Eindruck, dass sofort drei neue Aufgaben auftauchen, sobald eine erledigt ist. Und diese „Fließbandhetze“ entsteht ganz automatisch aus der Wachstumslogik heraus. Der Wissenschaftler sieht hier kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles: „Es gibt nicht mehr den Zeitpunkt, wo das Tagwerk vollbracht ist, wo ich nicht mehr das Gefühl habe, ich müsste ganz viele Dinge tun oder ich will noch ganz viele Dinge tun, sondern wo das, was ich heute vernünftigerweise tun kann, tun will und tun soll, abgearbeitet ist. Das gibt ein ganz anderes Weltverhältnis, als das, was wir heute kennen. Ich kann zwar aufhören zu arbeiten und mich still stellen, aber die Welt um mich herum saust weiter und mein Emailkonto quillt über und mein Aufgabenberg steigt. Und wenn ich den wirklich irgendwann abgearbeitet haben sollte, dann steige ich abends doch als schuldiges Subjekt ins Bett, weil ich nicht genug entschleunigt, mich nicht genug erholt, nicht genug für meine Wellness getan habe.“ Ein schlechtes Gewissen, weil man nicht genug getan hat, entspannt zu sein. Das klingt krank, aber wer ist krank? Der Einzelne oder das System, das in seiner Steigerungslogik immer behauptet, es ist nicht genug, da geht noch mehr.

Manch einer macht da nicht mehr mit und verlässt freiwillig das Hamsterrad, steigt aus. Auf der Alm oder an der Strandbar zu sitzen, macht die meisten aber auch auf die Dauer nicht glücklich, meint der Zeitforscher Robert Levine (→ Blogbeitrag “Je schneller, desto reicher). Zu einem zufriedenen Leben gehört für die meisten auch das Gefühl gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun.

Schwierig wird es eben dann, wenn man auf einer entschleunigten Bewusst-Seins-Ebene noch mitwirken möchte in einem System, das nichts anders kennt, als „immer schneller, immer mehr“. Denn diese Menschen gefährden ja gewissermaßen das bestehende (noch) funktionierende, weil eingespielte System ;-) .

Prof. Henningsen bringt seinen Patienten u.a. das bei, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und für sich selbst zu sorgen.

„Das große Thema ist ja ‚Grenzen setzen’.“ sagt er. Nur, frage ich Euch, wie geht das in einer Gesellschaft mit einer als „alternativlos“ erlebten grenzenlosen Wachstumsideologie?

Prof. Henningsen weiter: „Es gibt eine große Angst den an uns gestellten Anforderungen nicht gerecht zu werden. Weil entweder der Chef schlecht von einem denken könnte oder die Kinder enttäuscht sein könnten. Und eigentlich ist uns klar, dass es gut wäre immer mal ‚nein’ zu sagen. (…) Hier ist die Frage: Warum ist Dir das klar und Du kriegst es trotzdem nicht hin? Hier ist es interessant zu gucken: Was ist eigentlich meine Angst? Vor welchem Verlust von Wertschätzung oder Zuwendung?“

Sich abgrenzen gegen Anforderungen von außen ist schon schwer genug, aber wie grenzt man sich gegen seine eigenen Ansprüche ab? Mit den Möglichkeiten steigen nun mal auch die Anforderungen. Aber, will ich wirklich ins Fitnessstudio gehen? Oder meine ich, nur zu sollen, weil die innere Stimme sagt, dass ich sportlicher, schlanker, schöner werden will – oder soll? Zu viel „sollen“ und „müssen“ können krank machen.

Wichtig ist dabei, so Prof. Henningsen, dass das „wollen“ und „dürfen“ einem auch noch zugänglich bleibt.

Ganz im Sinne von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der es bereits vor mehr als 250 Jahren so formulierte:

„Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“

(Dieser Beitrag enthält Auszüge aus der Radiosendung vom 31.10.14: Immer mehr, immer schneller – Warum weniger für die Gesellschaft oft mehr ist)

Bleibt menschlich!

Iris

Bereits veröffentlichte Beiträge zum Thema “Entschleunigung”:
Freizeit ≠ Muße ≠ Faulheit
Das Phänomen der Zeitnot
Die westliche Arbeitsmoral – eine christliche Tugend?
Selbstoptimierung
Muße will eingeübt sein
“Leistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit”
Je schneller, desto reicher
Zwei Minuten Nichtstun

Folgender Beitrag dazu sind noch in der Pipeline:
28.12.  Selbst Schuld oder Fehler im System?

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