Ich lerne sehen

Heute möchte ich den großen Rainer Maria Rilke (1875-1926) zitieren, der für mich ein grandioser Umdenker und Wertewandler seiner Zeit war, ein Meister mit tiefer Spiritualität und Sinnlichkeit, der mich mit seinen Gedichten schon oft geistig aufgefangen hat. In Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ lässt er seinen Romanprotagonisten folgende Worte sagen:

“Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht. (…)

Ich lerne sehen. Ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.

Dass es mir zum Beispiel niemals zum Bewusstsein gekommen ist, wie viel Gesichter es gibt. Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.”

Genial, oder?! Sicher kennt sie der eine oder andere ja schon von Euch. Aber mich haben diese Zeilen einfach berührt und so wollte ich sie mit Euch teilen…

Bleibt menschlich ;-) !

Iris

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