{"id":6825,"date":"2020-03-17T20:43:45","date_gmt":"2020-03-17T19:43:45","guid":{"rendered":"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=6825"},"modified":"2020-06-13T08:43:50","modified_gmt":"2020-06-13T07:43:50","slug":"menschen-mit-zivilcourage-moderne-helden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dilettanti.eu\/?p=6825","title":{"rendered":"Menschen mit Zivilcourage  &#8211; Moderne Helden"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Wie sch\u00f6n w\u00e4re eine Gesellschaft, wenn wir keine Helden br\u00e4uchten, um einfach eine &#8222;vern\u00fcnftige und normale&#8220; &#8211; eine menschliche &#8211; Gesellschaft zu haben? <\/strong><br \/>Aber es gibt keine Gesellschaft, die so selbstverst\u00e4ndlich funktioniert, dass man nicht mehr sozusagen &#8222;den Finger krumm machen&#8220; muss. <br \/><strong>Jede Gesellschaftsform braucht ihre Helden<\/strong>, da ist sich der Sozialpsychologe Frey, Professor an der Ludwig Maximilian Universit\u00e4t in M\u00fcnchen, sicher:\n<p><!--more--><\/p>\nHelden sind keine Auslaufmodelle. Helden werden gebraucht. Immer noch und immer schon. Nur werden sie heute nicht mehr &#8211; wie in der Mythologie der griechischen Antike &#8211; als Helden geboren. Abstammung und die notwendigen gro\u00dfen Aufgaben \u2013 fertig ist der mythologische Held. <br \/><strong>F\u00fcr uns Heutige hat der Stammbaum wenig Einfluss auf heldenhafte Eigenschaften.<\/strong> <br \/>Nat\u00fcrlich gibt es genetisches Ausgangsmaterial, die einen sind belastbarer, die anderen weniger belastbar, die einen sind emotional stabiler und die anderen emotional labiler. Das hat durchaus genetische Grundkomponenten. <br \/>Aber als Held wird man nicht geboren, sondern man hat, wenn man Gl\u00fcck hat, gute Rahmenbedingungen, wo man sich zum Helden entwickeln kann. <br \/>Wie etwa Erziehungspraktiken, dass man in einem <strong>Klima der W\u00e4rme statt der K\u00e4lte<\/strong>, der <strong>Gebots-Orientierung statt der Verbots-Orientierung<\/strong> aufw\u00e4chst. Das hei\u00dft, ein <strong>Erziehungsmilieu, wo Heldentaten und mutiges und zivilcouragiertes Verhalten gedeihen k\u00f6nnen.<\/strong><br \/>Und hinzu kommt nat\u00fcrlich auch immer das <strong>Prinzip Verantwortung, dass die Menschen gelernt haben von ihren Vorbildern<\/strong> \u2013 das kann ein Onkel sein, das kann ein Lehrer sein, ein Nachbar sein &#8211; Ich bin zust\u00e4ndig! <strong>Ich bin Akteur! Ich bin nicht Beobachter.<\/strong> Statt \u201eKollege kommt gleich!\u201c, \u201eIrgend jemand wird\u2019s schon richten!\u201c &#8211; <strong>\u201eWenn ich nicht, wer dann?\u201c<\/strong> Und das ist <strong>eine ganz zentrale Sache<\/strong> und so was ist nicht angeboren, sondern <strong>in der fr\u00fchkindlichen Erziehung,<\/strong> sp\u00e4ter <strong>durch Vorbilder, durch Erziehungspraktiken<\/strong> erlernt. <br \/>Menschen, die die Natur bezwingen, in gro\u00dfe Tiefen tauchen, Kontinente entdecken, oder die als Abenteurer unterwegs waren und sozusagen mit \u00fcbermenschlicher Kraft in neue Gegenden vorgesto\u00dfen sind, werden als Helden bezeichnet. <br \/>Wir haben <strong>Sporthelden, die neue Rekorde aufstellen<\/strong>, die viel bewundert werden. Aber <strong>das hat ja nichts mit Zivilcourage im Alltag zu tun. Wo es um Auseinandersetzungen zwischen Menschen geht.<\/strong> Wenn wir von Zivilcourage reden, dann reden wir im Prinzip \u00fcber ein couragiertes Verhalten in der zivilen, b\u00fcrgerlichen und damit demokratischen Gesellschaft von heute. <br \/>Nach unseren g\u00e4ngigen Standards w\u00e4re eine <strong>Heldentat, wenn ich mich in eine Gefahrensituation begebe, mich aus einer Minderheitenposition heraus einsetze f\u00fcr Menschenw\u00fcrde, Selbstbestimmtheit, f\u00fcr demokratische Grunds\u00e4tze, f\u00fcr Fairnessprinzipien.<\/strong> <br \/>Schon die sperrigen W\u00f6rter lassen es vermuten: <br \/>Heldentaten von heute verbreiten nicht mehr den Glanz fr\u00fcherer Drachent\u00f6ter. Ganz im Gegenteil, meint Dieter Frey,<strong> oft finden Helden von heute, die Menschen mit Zivilcourage, die mutigen Alltagshelden \u00fcberhaupt keine \u00f6ffentliche Anerkennung.<\/strong><br \/>\u201eWenn ich nicht, wer dann?\u201c Diese Grundhaltung steckt in allen Heldentypen. <br \/>Nur wodurch wird diese beherzte Haltung ausgel\u00f6st? Haben Alltagshelden einfach ein rundum besseres Gesp\u00fcr f\u00fcr Ungerechtigkeit? Sind sie am Ende ganz schlicht die besseren Menschen? <br \/><strong>Also Alltagshelden sind nicht automatisch bessere Menschen.<\/strong> Man sollte sich auch davor h\u00fcten, Courage, Zivilcourage als eine besondere F\u00e4higkeit zu beschreiben, die den besseren Menschen ausmacht und wir alle bessere Menschen werden sollten. Sondern verschiedene Untersuchungen zeigen, dass das besondere Pr\u00e4gungen sind von Menschen, die etwas erlebt haben, was sie gepr\u00e4gt hat. Weswegen sie dann auch nicht immer als couragierte Menschen auftreten, in jeder Situation, sondern in Situationen, die ihnen spezifisch sind. Also <strong>es sind meistens Menschen, die ein Thema haben oder Anl\u00e4sse aus ihren Erfahrungen heraus haben, bei denen bei ihnen die Lampe aufleuchtet, sozusagen \u201eOh, hier muss ich was tun!\u201c.<\/strong> <br \/>Wolfgang Heuer, Politologe und Dozent an der Freien Universit\u00e4t in Berlin, kam zu diesem Ergebnis, als er f\u00fcr sein facettenreiches Buch <strong>\u201eCouragiertes Handeln\u201c<\/strong> Feldforschung betrieb und Lebensberichte von Menschen sammelte. Und zwar in der ehemaligen DDR \u2013 kurz nach der so genannten \u201eWende\u201c.<br \/>Was mir aufgefallen war, so Heuer, dass sehr viele, von denen ich erwartet hatte, dass sie aus politischen oder aus rationalen Erw\u00e4gungen heraus sich anders verhalten, als es jeweils in der Schule oder in der Gesellschaft, oder im Beruf verlangt wurde, dass die sehr fr\u00fch ein Verhalten entwickelt haben &#8211; aufgrund des Elternhauses, aufgrund der Auseinandersetzung in der Schulklasse, aufgrund einer Missachtung im Studium, je nachdem in unterschiedlichen Phasen des Lebens \u2013 eine Position entwickelt haben, gesagt haben \u201eDa mach ich nicht mit!\u201c, oder \u201eIch bin gefordert!\u201c Vor allem im Elternhaus <strong>\u201eIch bin gefordert Position zu beziehen!\u201c<\/strong>. Und dadurch ist so eine Art Habitus entstanden, bei gewissen Umst\u00e4nden und Situationen zu sagen \u201eNein, das geht nicht! Das mach ich nicht. Ich mach das anders! Ich entscheide mich anders.\u201c <br \/>Es gibt verschiedene Haltungen, die sich entweder mehr auf eine F\u00fcrsorge f\u00fcr andere beziehen, oder auch mehr auf ein Herstellen eines inneren Gleichgewichtes, weil sie so viele Erniedrigungen erlebt haben, sich selber gegen\u00fcber, oder auch Personen, die sie sehr gemocht haben. <br \/>Trotzdem \u2013 meint der Sozialpsychologe Dieter Frey \u2013 muss zu so einer Disposition, die wie eine \u201eEmp\u00f6rung auf Knopfdruck\u201c funktioniert, immer noch etwas anderes hinzukommen: <br \/>N\u00e4mlich der Optimismus <strong>\u201eIch kann was ver\u00e4ndern!\u201c. Nicht nur ich kann, ich muss was ver\u00e4ndern, auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist. Und das zeichnet ja gerade dieses heldenhafte Verhalten aus, dass man sagt \u2013 auch wenn alle Menschen dieser Welt sagen, man kann nichts dagegen machen \u2013 ich will was tun!<\/strong> Sie sind begrenzt Optimisten, weil sie nach der Devise handeln \u201eWer nicht k\u00e4mpft hat verloren. Wer k\u00e4mpft kann verlieren\u201c. Also es l\u00e4uft auch auf so eine optimistische Grundtendenz hinaus <strong>\u201eYes, we can!\u201c<\/strong> oder <strong>\u201eYes, I can!\u201c<\/strong>. <br \/><strong>Wir sind f\u00fcr unser eigenes Handeln zust\u00e4ndig<\/strong> und das hei\u00dft, tendenziell sind wir alle immer wieder gefordert mutig zu sein. <br \/>Getreu der bald 250 Jahre alten Forderung des Philosophen Immanuel Kant <a href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=6573\">\u201eHabe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen\u201c<\/a>, die zum Motto der Aufkl\u00e4rung wurde.<br \/>Das hei\u00dft: <strong>Keine Ehrfurcht vor Hierarchie, sondern Respekt vor Menschen<\/strong>, vor meinem Gegen\u00fcber.<br \/>Das hei\u00dft auch: ich traue mich <strong>eigenst\u00e4ndig zu denken<\/strong> und der n\u00e4chste Schritt w\u00e4re auch, dem <strong>entsprechend \u00f6ffentlich zu handeln.<\/strong> <br \/><strong>Unsere Wirtschaft w\u00fcrde noch erfolgreicher sein, wenn wir in der Art der Mitarbeiterf\u00fchrung das Kantsche Prinzip umsetzen w\u00fcrden.<\/strong><br \/>Sei m\u00fcndig! Bediene dich deines eigenen Verstandes! Widerspreche auch der Hierarchie! Aber das ist immer auch damit verbunden, dass die Leute nicht weggucken und sagen \u201eIch hab meine eigene Meinung, aber die behalt ich f\u00fcr mich!\u201c. Sondern dass sie sich <strong>klar positionieren<\/strong>. Und damit auch eine Chance haben f\u00fcr eine <strong>Kultur des guten Arguments<\/strong>. <br \/>Insofern sind die Helden sehr oft wie die Erfinder, die auch sagen, es st\u00f6rt mich nicht, Zwei plus Zwei ist eben F\u00fcnf minus Eins.<br \/>Das hei\u00dft, die gehen einen ganz anderen Weg und sie setzen sich meistens durch, auch wenn sie ganz viele Misserfolge haben. Und die Helden geh\u00f6ren eben auch zu diesen Leuten, die sagen, <strong>nicht nur wir m\u00fcssen etwas dagegen tun, sondern ich muss etwas dagegen tun. Und ich will was dagegen tun!<\/strong> <br \/><strong>Der Held, der mutige Mensch<\/strong> \u2013 glorreich und selten wie antike Heldengestalten soll er heute also nicht mehr sein. Eher selbstverst\u00e4ndlich &#8211; wie schon das Wort \u201eZivilcourage\u201c anklingen l\u00e4sst \u2013 <strong>eine Tugend mitten in unserer zivilen Gesellschaft. Eine, die jedem B\u00fcrger nach seinen F\u00e4higkeiten und M\u00f6glichkeiten zur Verf\u00fcgung steht.<\/strong><br \/>Aber man kann Zivilcourage nicht theoretisch lernen. Das geht auch zur\u00fcck bis auf Aristoteles und Platon, die das in der Antike schon beschrieben haben, dass man Tugenden nicht rational erlernen kann, sondern nur durchs praktische Leben. <br \/><strong>Wenn Menschen Verantwortung f\u00fcr das Gemeinwesen \u00fcbernehmen<\/strong> und nicht allein wegen der Karriere, oder des Bankkontos, sondern <strong>aus einer Freude, oder einer Verantwortung heraus, etwas an Lebenswertem zu gestalten in der Gesellschaft, was uns allen gut tut. Das sind so B\u00fcrgertugenden und -t\u00e4tigkeiten, die Mut mit einschlie\u00dfen und praktische Vorbilder, die wir brauchen in der Gesellschaft.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n\n\n<p><em>Quelle:<\/em> Gek\u00fcrzte Textfassung einer Radiosendung vom 5.3.2020, auf BR2 \u201eRadioWissen\u201c, Titel: <strong>\u201eDer Held \u2013 Mehr als nur ein Mythos?\u201c<\/strong><br> Zitiert werden hier Wolfgang Heuer, Politologe und Dozent an der Freien Universit\u00e4t in Berlin und Dieter Frey, Sozialpsychologe und Professor an der Ludwig Maximilian Universit\u00e4t in M\u00fcnchen.<br>Die komplette Skript der Sendung ist nachzulesen <a href=\"https:\/\/www.br.de\/radio\/bayern2\/service\/manuskripte\/radiowissen\/manuskriptradiowissen-3466.html\">hier.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Rundfunk-Beitrag sprach mir einfach aus der Seele&#8230; <br>In diesem Sinne: bleibt dran und &#8211; bleibt Helden! Eure Iris<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sch\u00f6n w\u00e4re eine Gesellschaft, wenn wir keine Helden br\u00e4uchten, um einfach eine &#8222;vern\u00fcnftige und normale&#8220; &#8211; eine menschliche &#8211; Gesellschaft zu haben? Aber es gibt keine Gesellschaft, die so selbstverst\u00e4ndlich funktioniert, dass man nicht mehr sozusagen &#8222;den Finger krumm machen&#8220; muss. 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