{"id":6112,"date":"2016-07-10T05:26:47","date_gmt":"2016-07-10T04:26:47","guid":{"rendered":"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=6112"},"modified":"2016-07-10T12:33:20","modified_gmt":"2016-07-10T11:33:20","slug":"zunehmende-entsinnlichung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dilettanti.eu\/?p=6112","title":{"rendered":"Zunehmende Entsinnlichung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Vergleiche von Untersuchungen zur Wahrnehmungsf\u00e4higkeit aus den 1970er- und 1990er-Jahren zeigen, dass in diesen 20 Jahren die <strong>durchschnittliche Wahrnehmungsf\u00e4higkeit der Deutschen<\/strong> im Bereich des Geruchs- und Geschmackssinns, des Geh\u00f6rs und des sexuellen Lustempfindens <strong>drastisch abgenommen<\/strong> hat. <!--more-->Um z.B. im Gehirn die gleiche Geschmacksreaktion wie vor 20 Jahren auszul\u00f6sen, <strong>musste ein Reiz in der Dimension &#8222;s\u00fc\u00df&#8220; um ein Drittel st\u00e4rker sein<\/strong> als damals; andere Nahrungsmittel mussten <strong>um die H\u00e4lfte &#8222;salziger&#8220; und &#8222;saurer&#8220;<\/strong> sein, um denselben Geschmackseindruck zu erzeugen, und Bitteres wurde erst wahrgenommen, wenn es <strong>doppelt so bitter<\/strong> war. In den 70er-Jahren konnten die Deutschen im Durchschnitt 300.000 Kl\u00e4nge unterscheiden. In den 1990ern waren es nur noch 180.000 verschiedene Kl\u00e4nge. (&#8230;) Wo in fr\u00fcheren Jahrzehnten Bilder von Frauen in Unterw\u00e4sche in Wallung brachten, da <strong>kamen in den 1990er-Jahren viele M\u00e4nner nicht einmal mehr bei einem Porno recht in Stimmung.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ist diese Entsinnlichung ein Trend, der sich seitdem fortgesetzt hat?\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Philosoph und Musiker Theodor Adorno (\u2192<a title=\"Es gibt kein richtiges Leben im falschen.\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=3992\">Es gibt kein richtiges Leben im falschen.<\/a>)\u00a0bemerkte jedenfalls schon 1970 in seinem Buch &#8222;Erziehung zur M\u00fcndigkeit&#8220;: <em><strong>Der tiefste Defekt, mit dem man es heute zu tun hat, ist der, dass der Mensch eigentlich gar nicht mehr zu Erfahrung f\u00e4hig ist&#8230;<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um uns orientieren und zurechtfinden zu k\u00f6nnen, sind wir darauf angewiesen, Reize aus der Umwelt aufzunehmen und zu interpretieren. Die <strong>Wahrnehmungsf\u00e4higkeit<\/strong> der Sinnesorgane selbst, so ergaben Untersuchungen, <strong>hatte nicht abgenommen, wohl aber die der Sinneszentren im Gehirn.<\/strong> Das Gehirn hatte ein neues Reizlimit gesetzt und sich geweigert, Reize zu verarbeiten, die unterhalb dieses neuen Limits lagen. Reize von au\u00dfen wurden demnach unver\u00e4ndert aufgenommen. Die Vergr\u00f6berung fand im Bereich der Umformung und Wahrnehmung der eigenen Signale im Organismus statt. <strong>Um ins Bewusstsein zu durchdringen zu k\u00f6nnen, sind nun also derbere oder h\u00e4ufig wechselnde Reize von au\u00dfen n\u00f6tig.<\/strong> Und tats\u00e4chlich hat sich, wie aus der gleichen Untersuchung hervorgeht, z.B. die Schmerzgrenze in Bezug auf Lautst\u00e4rke deutlich erh\u00f6ht. Die 100 Dezibel, die in den 70er-Jahren von Jugendlichen noch als schmerzhaft empfunden wurden, werden heute auf Konzerten und in Diskos klaglos toleriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wenn wir m\u00f6chten, dass unsere Kinder die Welt und sich selbst mit wachen feinen Sinnen wahrnehmen und erleben, sind wir aufgerufen, die Lebens- und Lernr\u00e4ume, in denen wir uns bewegen, entsprechend zu gestalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der Ingenieur und Bewegungslehrer <strong>Mosh\u00e9 Feldenkrais<\/strong> hat darauf hingewiesen, dass <em><strong>Sensibilit\u00e4t nur w\u00e4chst, wenn der Reiz vermindert wird.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je kleiner die Kinder sind, desto wichtiger ist es, Umgebung zu gestalten, in denen starke Reize nicht dauerhaft wirken.<strong> Neben stimulierenden Impulsen brauchen Kinder und Erwachsene unbedingt auch\u00a0<\/strong><b>Phasen der Ruhe und Stille.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Nils Altner, <em>Achtsam mit Kindern leben<\/em>, K\u00f6sel-Verlag 2009, S.62f)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vergleiche von Untersuchungen zur Wahrnehmungsf\u00e4higkeit aus den 1970er- und 1990er-Jahren zeigen, dass in diesen 20 Jahren die durchschnittliche Wahrnehmungsf\u00e4higkeit der Deutschen im Bereich des Geruchs- und Geschmackssinns, des Geh\u00f6rs und des sexuellen Lustempfindens drastisch abgenommen hat.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6112"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6112"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6112\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6125,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6112\/revisions\/6125"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}