{"id":4355,"date":"2014-12-25T06:05:27","date_gmt":"2014-12-25T05:05:27","guid":{"rendered":"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4355"},"modified":"2014-12-30T15:48:00","modified_gmt":"2014-12-30T14:48:00","slug":"macht-uns-ein-schnelleres-leben-krank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dilettanti.eu\/?p=4355","title":{"rendered":"Macht uns ein schnelleres Leben krank?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">In den letzten 10 Jahren hat sich die Menge der verschriebenen Psychopharmaka verdoppelt, darunter Medikamente gegen Depressionen, Beruhigungsmittel, Tabletten f\u00fcr hyperaktive Kinder. Der Anteil psychisch kranker unter den Fr\u00fchrentnern ist deutlich gestiegen. Der M\u00fcnchner Professor f\u00fcr Psychosomatik, <\/span><a style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\" href=\"http:\/\/www.professoren.tum.de\/henningsen-peter\/\">Peter Henningsen<\/a><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">, betrachtet diese Zahlen allerdings auch mit Vorsicht.\u00a0<!--more--><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\"><strong>Er sieht zwar durchaus einen bestehenden Zusammenhang mit dem gestiegenen Arbeitsdruck, aber er wertet die Umsatzsteigerung bei den Psychopillen auch als Ergebnis einer guten Marketingarbeit der Pharmafirmen.<\/strong> Au\u00dferdem seien seelische Krankheiten lange Zeit ein Tabu gewesen. Die Diagnoseh\u00e4ufigkeit von psychischen\u00a0St\u00f6rungen\u00a0in den Statistiken, z.B. als Gr\u00fcnde f\u00fcr Arbeitsunf\u00e4higkeit, f\u00fcr Fr\u00fchberentung etc., erh\u00f6hten sich in den letzten Jahren stark<\/span><span style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">. Aber das liegt daran, dass sie inzwischen wesentlich besser erkannt werden, dass es eine h\u00f6here Bereitschaft gibt, dar\u00fcber zu sprechen und dass eine Umverteilung in den Diagnosen stattgefunden hat. <strong>Fr\u00fcher waren R\u00fcckenschmerzen ein muskul\u00e4res oder skelettales Problem, heute wird es doch zu Recht im Bereich der psychischen St\u00f6rungen verortet.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist auch nicht generell ein hohes Arbeitstempo das krank macht, so der Mediziner, denn das empfindet jeder anders. Und dann gibt es ja noch bestimmte Antistress-Strategien, die der eine besser und der andere schlechter beherrscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das klingt so, als k\u00f6nne jeder einzelne jederzeit das Hamsterrad bremsen.<\/strong> Tats\u00e4chlich bieten viele Firmen entsprechende Seminare an. Mitarbeiter sollen dort Zeitmanagement und Stressbew\u00e4ltigung lernen. <strong>Wer also trotzdem im Hamsterrad gefangen bleibt, ist selbst schuld?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nein!<\/strong> sagt der Soziologe <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hartmut_Rosa\">Hartmut Rosa<\/a>. Depressionen haben viele Ursachen und Ausl\u00f6ser. <strong>Ein gro\u00dfer Risikofaktor im Alltag ist das Gef\u00fchl, keine Kontrolle \u00fcber das Aufgabenpensum zu haben.<\/strong> Der Eindruck, dass sofort drei neue Aufgaben auftauchen, sobald eine erledigt ist. <b>Und diese \u201eFlie\u00dfbandhetze\u201c entsteht ganz automatisch aus der Wachstumslogik heraus. Der Wissenschaftler sieht hier kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles: <\/b>\u201eEs gibt nicht mehr den Zeitpunkt, wo das Tagwerk vollbracht ist, wo ich nicht mehr das Gef\u00fchl habe, ich m\u00fcsste ganz viele Dinge tun oder ich will noch ganz viele Dinge tun, sondern wo das, was ich heute vern\u00fcnftigerweise tun kann, tun will und tun soll, abgearbeitet ist. Das gibt ein ganz anderes Weltverh\u00e4ltnis, als das, was wir heute kennen. Ich kann zwar aufh\u00f6ren zu arbeiten und mich still stellen, aber die Welt um mich herum saust weiter und mein Emailkonto quillt \u00fcber und mein Aufgabenberg steigt. Und wenn ich den wirklich irgendwann abgearbeitet haben sollte, dann steige ich abends doch als schuldiges Subjekt ins Bett, weil ich nicht genug entschleunigt, mich nicht genug erholt, nicht genug f\u00fcr meine Wellness getan habe.\u201c <b>Ein schlechtes Gewissen, weil man nicht genug getan hat, entspannt zu sein. <\/b>Das klingt krank, aber wer ist krank? Der Einzelne oder das System, das in seiner Steigerungslogik immer behauptet, es ist nicht genug, da geht noch mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manch einer macht da nicht mehr mit und verl\u00e4sst freiwillig das Hamsterrad, steigt aus. Auf der Alm oder an der Strandbar zu sitzen, macht die meisten aber auch auf die Dauer nicht gl\u00fccklich, meint der Zeitforscher Robert Levine (\u2192 Blogbeitrag &#8222;<em><a title=\"Je schneller, desto reicher\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4340\">Je schneller, desto reicher<\/a>&#8222;<\/em>). <strong>Zu einem zufriedenen Leben geh\u00f6rt f\u00fcr die meisten auch das Gef\u00fchl gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schwierig wird es eben dann, wenn man auf einer entschleunigten Bewusst-Seins-Ebene noch mitwirken m\u00f6chte in einem System, das nichts anders kennt, als \u201eimmer schneller, immer mehr\u201c. Denn diese Menschen gef\u00e4hrden ja gewisserma\u00dfen das bestehende (noch) funktionierende, weil eingespielte System ;-).<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Henningsen bringt seinen Patienten u.a. das bei, die eigenen Bed\u00fcrfnisse zu erkennen und f\u00fcr sich selbst zu sorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u201eDas gro\u00dfe Thema ist ja \u201aGrenzen setzen\u2019.\u201c<\/i> sagt er. Nur, frage ich Euch, wie geht das in einer Gesellschaft mit einer als \u201ealternativlos\u201c erlebten grenzenlosen Wachstumsideologie?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Henningsen weiter: <em>\u201eEs gibt eine gro\u00dfe Angst den an uns gestellten Anforderungen nicht gerecht zu werden. Weil entweder der Chef schlecht von einem denken k\u00f6nnte oder die Kinder entt\u00e4uscht sein k\u00f6nnten. Und eigentlich ist uns klar, dass es gut w\u00e4re immer mal \u201anein\u2019 zu sagen. (&#8230;) Hier ist die Frage: Warum ist Dir das klar und Du kriegst es trotzdem nicht hin? Hier ist es interessant zu gucken: Was ist eigentlich meine Angst? Vor welchem Verlust von Wertsch\u00e4tzung oder Zuwendung?\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich abgrenzen gegen Anforderungen von au\u00dfen ist schon schwer genug, aber wie grenzt man sich gegen seine eigenen Anspr\u00fcche ab? Mit den M\u00f6glichkeiten steigen nun mal auch die Anforderungen. Aber, will ich wirklich ins Fitnessstudio gehen? Oder meine ich, nur zu sollen, weil die innere Stimme sagt, dass ich sportlicher, schlanker, sch\u00f6ner werden will \u2013 oder soll? Zu viel \u201esollen\u201c und \u201em\u00fcssen\u201c k\u00f6nnen krank machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wichtig ist dabei, so Prof. Henningsen, dass das \u201ewollen\u201c und \u201ed\u00fcrfen\u201c einem auch noch zug\u00e4nglich bleibt.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz im Sinne von <a href=\"http:\/\/zitate.net\/jean-jacques%20rousseau.html\">Jean-Jacques Rousseau<\/a> (1712-1778), der es bereits vor mehr als 250 Jahren so formulierte:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><i>\u201eDie <\/i><i>Freiheit<\/i><i> des <\/i><i>Menschen<\/i><i> liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.\u201c<\/i><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Dieser Beitrag enth\u00e4lt Ausz\u00fcge aus der Radiosendung vom 31.10.14:\u00a0<em>&#8222;<a href=\"http:\/\/cdn-storage.br.de\/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-bG\/_AES\/5A8H52NH\/141031_0905_radioWissen_Immer-mehr-immer-schneller---Warum-weniger-.mp3\">Immer mehr, immer schneller &#8211; Warum weniger f\u00fcr die Gesellschaft oft mehr ist<\/a>&#8222;<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleibt menschlich!<\/p>\n<p>Iris<\/p>\n<p>Bereits ver\u00f6ffentlichte Beitr\u00e4ge zum Thema &#8222;Entschleunigung&#8220;:<br \/>\n<a title=\"Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4323\"><em>Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4272\"><em>Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4301\"><em>Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Selbstoptimierung\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4547\"><em>Selbstoptimierung<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4303\"><em>Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein<\/em><\/a><br \/>\n<em><a title=\"\u201c\u201cLeistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit\u201d\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/wp-admin\/post.php?post=4313&amp;action=edit\">\u201cLeistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit\u201d<\/a><\/em><br \/>\n<a title=\"Je schneller, desto reicher\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4340\"><em>Je schneller, desto reicher<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Macht uns ein schnelleres Leben krank?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4355\"><em>Zwei Minuten Nichtstun<\/em><\/a><\/p>\n<p>Folgender Beitrag dazu sind noch in der Pipeline:<br \/>\n28.12. \u00a0<a title=\"Selbst Schuld oder Fehler im System?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4353\">Selbst Schuld oder Fehler im System?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten 10 Jahren hat sich die Menge der verschriebenen Psychopharmaka verdoppelt, darunter Medikamente gegen Depressionen, Beruhigungsmittel, Tabletten f\u00fcr hyperaktive Kinder. 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