{"id":4323,"date":"2014-12-08T06:02:08","date_gmt":"2014-12-08T05:02:08","guid":{"rendered":"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4323"},"modified":"2014-12-30T15:59:16","modified_gmt":"2014-12-30T14:59:16","slug":"freizeit-%e2%89%a0-musse-%e2%89%a0-faulheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dilettanti.eu\/?p=4323","title":{"rendered":"Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Beim Thema &#8222;Entschleunigung&#8220; spielen die o.g. Begriffe direkt oder indirekt eine zentrale Rolle. Und ich finde, es lohnt sich, diese genauer unter die Lupe zu nehmen ;-): Was ist eigentlich der Unterschied von &#8222;Freizeit&#8220;\u00a0und\u00a0&#8222;Mu\u00dfe&#8220;? Und\u00a0wie verh\u00e4lt es sich so mit der &#8222;Faulheit&#8220;?\u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mu%C3%9Fe\">Mu\u00dfe<\/a> bezeichnet man die Zeit, welche eine Person <strong>nach eigenem Wunsch<\/strong> nutzen kann, <strong>ohne Ziel und Zweckgebundenheit<\/strong>. <strong>Nicht alle <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Freizeit\">Freizeit<\/a> ist damit gleichzeitig auch Mu\u00dfe<\/strong>, da viele Freizeitaktivit\u00e4ten direkt und indirekt von Fremdinteressen bestimmt werden und Freizeit letzten Endes dazu dient, wieder fit f\u00fcr den Arbeitsalltag zu werden.\u00a0Oder wie sagt <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kulturindustrie_\u2013_Aufkl\u00e4rung_als_Massenbetrug\">Adorno<\/a> so sch\u00f6n (siehe auch weiter unten im Beitrag): <strong><em>&#8222;Freizeit aber ist nur die\u00a0regenerative\u00a0Phase, die der Arbeitsphase untertan ist.&#8220;<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>&#8222;M\u00fc\u00dfiggang ist aller Laster Anfang&#8220;<\/em>\u00a0<\/strong>(2. Thessalonicher 3,1-18). Wie im Beitrag <em>&#8222;Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?&#8220; <\/em>noch\u00a0genauer eingegangen werden wird (ET:13.12.), ist es (auch) unsere christlich gepr\u00e4gte Tradition, durch die uns <strong>Mu\u00dfe<\/strong> <strong>als verwerfliche Eigenschaft eingeimpft <\/strong>wurde<strong> und mit dem ebenfalls entsprechend negativ besetzen Begriff &#8222;Faulheit&#8220; gleichgesetzt wird.\u00a0<\/strong>(\u2192Blogbeitrag <em>&#8222;Faulheit und Muse \u2013 Die Entdeckung der Langsamkeit&#8220; <\/em>ET: 20.12.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Faulheit\">Faulheit<\/a>\u00a0(abmildernd auch\u00a0<i>Tr\u00e4gheit<\/i>\u00a0genannt) wird in Wikipedia definiert als: <em>&#8222;der mangelnde Wille eines Menschen, zu\u00a0arbeiten\u00a0oder sich anzustrengen.&#8220;<\/em> Beides kann als solches mit Mu\u00dfe gleichgesetzt werden. Richtig! <strong>Doch ist bei der Mu\u00dfe noch etwas ganz entscheidend: Der Wille, sich ganz BEWUSST diesen Freiraum des Nichtstuns einzur\u00e4umen!<\/strong> Ganz wissentlich f\u00fcr seine ganz pers\u00f6nliche Entspannung, zum Seele baumeln lassen und schauen, was da in einem passiert. Ganz ohne ein bestimmtes Ziel und ganz ohne jede Anstrengung etwas erreichen zu wollen. Einfach nur\u00a0\u201ebei mir sein\u201c, \u201eselbst-bestimmt sein\u201c, also selbst bestimmen, was man will und tut. Man w\u00e4re dann auch weniger anf\u00e4llig f\u00fcr Manipulationsversuche der Au\u00dfenwelt. Nur &#8211; frage ich Euch &#8211; ist das denn \u00fcberhaupt gewollt von Wirtschaft und Politik? Die Antwort liegt auf der Hand ;-).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Heutzutage nutzen wir die Freizeit \u2013 also unsere &#8222;freie Zeit&#8220; nicht f\u00fcr M\u00fc\u00dfiggang, also einem ziellosen Nichtstun bzw. sich Entspannen im Selbst.<\/strong>\u00a0Sondern da wir in der Freizeit auch noch mehr leisten wollen (und sollen?!), ganz im Sinne des &#8222;immer mehr&#8220; packen wir noch Erlebnisse und Aktivit\u00e4ten rein, was dazu f\u00fchrt, dass wir uns immer mehr abhetzen und sich das Gef\u00fchl breit macht, alle Ruhe verloren zu haben und wir uns so nur noch als Getriebene (von wem eigentlich?) f\u00fchlen.\u00a0<strong>Darum ist Stress eben gerade ein Ph\u00e4nomen unserer Zeit. <\/strong>Hat man doch fr\u00fcher noch viel mehr und k\u00f6rperlich viel h\u00e4rter gearbeitet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nichtstun, geht das denn \u00fcberhaupt?<\/strong> Schwierig in einer \u00fcber Leistung &amp; Produktivit\u00e4t definierten Weltanschauung, denn gar nichts zu tun ist nicht effizient. Bei den alten Griechen war die Mu\u00dfe ein hoch gesch\u00e4tzter Zustand f\u00fcr Privilegierte. Das Gegenteil von Arbeit und Verpflichtung. <strong>Mu\u00dfe hei\u00dft ziel- und zweckfreies Sein, das es einem erm\u00f6glicht, \u00fcber sich und das Leben nachzudenken.<\/strong> Die Philosophin <a href=\"https:\/\/www.philosophie.uni-freiburg.de\/seminar\/professur_huehn\/huehn\">Prof.\u00a0Lore H\u00fchn<\/a> arbeitet\u00a0in einem <a href=\"https:\/\/www.sfb1015.uni-freiburg.de\">Sonderforschungsbereich zum Thema Mu\u00dfe<\/a>\u00a0an der Uni Freiburg.\u00a0<strong>Sie betont, dass Mu\u00dfe nicht das Gleiche ist, wie Freizeit. In gewisser Weise sei Mu\u00dfe sogar das Gegenteil von Freizeit.<\/strong>\u00a0Von dem, was uns die moderne Freizeitindustrie fast schon aufdr\u00e4ngt. <em>\u201eDie Unterscheidung von Freizeit und Muse hat auch eine lange Tradition. Und hier l\u00e4sst sich auch wiederum auf Aristoteles verweisen, der f\u00fcr Erholung sagt: &#8218;Das ist Zerstreuung der Arbeit. Das gilt der Reproduktion der Arbeitskraft und tritt damit auch in ein Gegensatzverh\u00e4ltnis zur Mu\u00dfe.'&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kulturindustrie_\u2013_Aufkl\u00e4rung_als_Massenbetrug\">Adorno<\/a>\u00a0&#8211; wie schon weiter oben erw\u00e4hnt: <em>&#8222;Freizeit aber ist nur die\u00a0regenerative\u00a0Phase, die der Arbeitsphase untertan ist<\/em>.&#8220;\u00a0<b>Dar\u00fcber wir also in die Freizeit hinein noch der \u00f6konomische Vektor verl\u00e4ngert.<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>&#8222;Also ist Freizeit nicht das, wo ich mich vom \u00f6konomischen Zwang befreie, sondern Freizeit ist genau der Ort, wo ich genau diese Zw\u00e4nge reproduziere.<\/em>\u201c\u00a0<\/strong>sagt die Philosophin. Schlie\u00dflich soll wachsender Wohlstand die Freude am Leben steigern ;-). Und irgendwie wird das erarbeitete Geld auch wieder ausgegeben. Und so wird aus der Ferienwoche am Chiemsee ganz automatisch die Fernreise. Und neben dem Auto steht das zweite Auto oder das Motorrad in der Garage. <strong>Und noch im Urlaub arbeiten wir To-Do-Listen ab<\/strong> mit den sch\u00f6nsten Sehensw\u00fcrdigkeiten, aus Sorge, unsere wertvolle Urlaubszeit nicht optimal zu nutzen. Wenn man nun schon mal da ist&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. H\u00fchn: <em>\u201eUnter dem Zwang der Selbstverwirklichung, der uns Stress macht, verfehlen wir gerade diese Mu\u00dfe am gr\u00fcndlichsten und auch die Selbstverwirklichung und bed\u00fcrfen deshalb der Mu\u00dfe, um uns mehr lassen zu k\u00f6nnen und darin erst wieder zu dem Potenzial echter Selbstverwirklichung zu finden. <strong>Es gibt einfach eine Tendenz bei uns zur Selbstausbeutung. Und diese Tendenz zur Selbstausbeutung, die viele haben, die gar nicht mehr merken, dass sie auch Zw\u00e4nge, Anforderungen verinnerlichen.<\/strong> Sie merken gar nicht mehr, dass es eine Fremdzuschreibung ist, die sie da an sich selber vollziehen.\u201c <\/em>(Zitiert aus Podcast RadioWissen<em> &#8222;<a href=\"http:\/\/cdn-storage.br.de\/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-bG\/_AES\/5A8H52NH\/141031_0905_radioWissen_Immer-mehr-immer-schneller---Warum-weniger-.mp3\">Immer mehr, immer schneller &#8211; Warum weniger f\u00fcr die Gesellschaft oft mehr ist<\/a>&#8222;<\/em>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die vielen Angebote der Freizeitindustrie sind fast schon zur Bedr\u00e4ngnis geworden. Aus freundlichen Vorschl\u00e4gen sind Konsumbefehle geworden: <em>\u201eDu musst und Du sollst!\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Mu\u00dfe&#8220;<\/strong> aber hei\u00dft, <strong>etwas aus freiem Willen zu tun <\/strong>und dabei zur Besinnung zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vormoderne Gesellschaften hatten ein \u201eMu\u00dfe\u201c-Pr\u00e4ferenz und auch in den \u00f6stliche Kulturen haben die Menschen viel mehr danach gestrebt, nichts zu tun. Inzwischen hat sich aber diese westlich gepr\u00e4gte Arbeitsmoral nahezu bis in die hintersten Winkel der Welt durchgesetzt und allen voran vor allem in L\u00e4ndern wie Indien und einer urspr\u00fcnglich taoistischen Kultur wie China (\u2192Blogbeitrag \u201e<em><a href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/wp-admin\/post.php?post=3452&amp;action=edit\">Wu Wei<\/a><\/em>\u201c). Hier hat die Gier nach Macht und Einfluss die kulturelle Pr\u00e4gung weit \u00fcberfl\u00fcgelt mit den uns allen bestens bekannten Konsequenzen. Damit hat der Einbruch des modernen Kapitalismus \u00e4ltere religi\u00f6se Barrieren quasi beseitigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und im Zeitalter der Globalisierung kann man nicht davon ausgehen, dass es solche \u201eRestbest\u00e4nde\u201c noch lange gibt, in denen man wirklich noch &#8222;entschleunigt&#8220; lebt und den &#8222;M\u00fc\u00dfiggang&#8220; pflegt. <strong>Vor allem haben wir ja das Paradoxon, dass wir in solche Gegenden reisen und uns dort erholen wollen, da wir hier noch erleben k\u00f6nnen, wie Menschen langsamer und entspannter leben. In dem Moment, wo wir jedoch dort auftauchen, bringen wir Geld in Umlauf, schaffen so nicht gekannte Begehrlichkeiten und der ganze kapitalistische Kreislauf geht dann auch in diesen fernen L\u00e4ndern los.<\/strong>\u00a0Und au\u00dferdem: damit wir dort ausruhen k\u00f6nnen, m\u00fcssen andere etwas schneller und etwas effektiver arbeiten. Was f\u00fcr uns nat\u00fcrlich aus unserem Blickwinkel ganz selbstverst\u00e4ndlich ist. Und so verlangen wir, dass f\u00fcr unsere Ruhe die anderen noch sehr viel schneller werden &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesem Paradoxon k\u00f6nnen wir in meinen Augen eben nur durch ein ver\u00e4ndertes Bewusstsein und einen Wandel hin zu menschlich basierten Werten entgegen treten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bleibt menschlich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Iris<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P.S. Folgende Beitr\u00e4ge zum Thema &#8222;Entschleunigung&#8220; sind noch in der Pipeline:<br \/>\n10.12.<em>\u00a0<\/em><a title=\"Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4272\"><strong>Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot<\/strong><\/a><br \/>\n13.12.<a title=\"Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4301\"><em>\u00a0<\/em><strong>Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?<\/strong><\/a><br \/>\n16.12. <a title=\"Selbstoptimierung\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4547\"><strong>Selbstoptimierung<\/strong><\/a><br \/>\n18.12.<em>\u00a0<\/em><a title=\"Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4303\"><strong>Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein<\/strong><\/a><br \/>\n20.12.<strong>\u00a0<a title=\"\u201cLeistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit\u201d\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4313\">\u201cLeistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit\u201d<\/a><\/strong><br \/>\n22.12.<strong>\u00a0<a title=\"Je schneller, desto reicher\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4340\">Je schneller, desto reicher<\/a><\/strong><br \/>\n24.12.<a title=\"Zwei Minuten Nichtstun\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4446\"><strong> Zwei Minuten Nichtstun<\/strong><\/a><br \/>\n25.12.<em>\u00a0<\/em><a title=\"Macht uns ein schnelleres Leben krank?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4355\"><strong>Macht uns ein schnelleres Leben krank?<\/strong><\/a><br \/>\n28.12.<em>\u00a0<\/em><a title=\"Selbst Schuld oder Fehler im System?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4353\"><strong>Selbst Schuld oder Fehler im System?<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Thema &#8222;Entschleunigung&#8220; spielen die o.g. Begriffe direkt oder indirekt eine zentrale Rolle. Und ich finde, es lohnt sich, diese genauer unter die Lupe zu nehmen ;-): Was ist eigentlich der Unterschied von &#8222;Freizeit&#8220;\u00a0und\u00a0&#8222;Mu\u00dfe&#8220;? 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