{"id":4313,"date":"2014-12-20T05:21:46","date_gmt":"2014-12-20T04:21:46","guid":{"rendered":"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4313"},"modified":"2017-02-12T13:15:04","modified_gmt":"2017-02-12T12:15:04","slug":"faulheit-und-muse-die-entdeckung-der-langsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dilettanti.eu\/?p=4313","title":{"rendered":"&#8222;Leistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Smartphone ausstellen, F\u00fc\u00dfe hochlegen, Seele baumeln lassen: Nichtstun. Der Traum vom M\u00fc\u00dfiggang ist alt &#8211; und brandaktuell. Dabei macht Faulsein jede Menge Arbeit.\u00a0<\/strong><\/em>Das meint zumindest Udo Taubitz, der in\u00a0seinem Artikel <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/faulheit-und-musse-die-entdeckung-der-langsamkeit-a-837573.html\"><em>Leistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit<\/em><\/a>\u00a0(SPIEGEL ONLINE, 13.06.12) dem Ph\u00e4nomen nachgeht. (Anmerkung: F\u00fcr Taubitz ist Faulheit = M\u00fc\u00dfiggang, was ich jedoch begrifflich unterscheide \u2192Blogbeitrag\u00a0<em><a title=\"Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4323\">Faulheit\u00a0\u2260 Mu\u00dfe\u00a0\u2260 Freizeit<\/a><\/em>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schreibt weiter in diesem Artikel, ich zitiere: Meine Schwiegermutter erz\u00e4hlt gern, dass sie als Kind nicht D\u00e4umchen drehen durfte: Lieber h\u00e4tte ihre Mutter ihr einen Knopf von der Bluse abgerissen und ihn dann von ihr wieder ann\u00e4hen lassen. Nichtstun war unvorstellbar.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Heute schalten wir aus Angst vor Langeweile den Fernseher ein, rennen ins Fitnesscenter oder checken permanent unsere E-Mails.<\/strong> Und auch die Arbeit l\u00e4sst wenig Zeit f\u00fcr Mu\u00dfe.<em> <strong>Wer auf Stand-by schaltet, wird schnell als Leistungsverweigerer oder gar Versager abgestempelt<\/strong>, <\/em>sagt <a href=\"https:\/\/germa.unibas.ch\/seminar\/mitarbeitende\/profil\/profil\/person\/koch\/\">Prof. Manfred Koch<\/a>, der an der Universit\u00e4t Basel Philosophie lehrt.<em>\u00a0<\/em>Doch langsam beginnt der Gedanke der Entschleunigung wieder an Akzeptanz zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kochs neues Buch hei\u00dft<em> &#8218;<a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/manfred-koch\/faulheit.html\">Faulheit &#8211; eine schwierige Disziplin<\/a>&#8218;. <\/em>Es behandelt die gro\u00dfen Fragen des Burnout-Zeitalters aus historischer Perspektive. Und siehe da: In der Antike galt Mu\u00dfe als Ideal.<em> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sokrates beschrieb die Mu\u00dfe als<strong> &#8218;Schwester der Freiheit&#8216;.<\/strong><em>\u00a0Arbeit und Tugend schlie\u00dfen einander aus, <\/em>stellte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aristoteles\">Aristoteles<\/a> fest. Die Arbeit \u00fcberlie\u00df man Sklaven und Ausl\u00e4ndern. <strong>Vorbildlich lebte der Philosoph Diogenes, der angeblich in einem Fass dem reinen M\u00fc\u00dfiggang nachging.<\/strong> Als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alexander_der_Gro\u00dfe\">Alexander der Gro\u00dfe<\/a> ihn voll Mitleid nach seinen W\u00fcnschen fragte, soll <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Diogenes_von_Sinope\">Diogenes<\/a> nur gesagt haben:<em> &#8218;Geh mir aus der Sonne.&#8216; <\/em>H\u00e4tte es damals schon die Euro-Zone gegeben, w\u00e4re Griechenland wegen dieser Einstellungen wohl rausgeflogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Bibel steht zwar:<em>\u00a0Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen,\u00a0<\/em>doch bis weit ins Mittelalter hinein war die Faulheit nicht mal in deutschen Landen ein Makel, sondern ein Privileg, ein Lebensideal, ein Weg zur tieferen Erkenntnis, bei dem die Arbeit nur im Wege stand. Bettler schnorrten damals noch ohne Gitarrenbegleitung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erst die Neuzeit brachte die Wende: Fortschrittsglaube und Industrialisierung machten den Faulenzer zum ungelittenen Parasiten.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><\/strong><em>Von Arbeit stirbt kein Mensch, aber von Ledig- und M\u00fc\u00dfiggehen kommen die Leute um Leib und Leben; denn der Mensch ist zum Arbeiten geboren wie der Vogel zum Fliegen, <\/em>wetterte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Luther\">Martin Luther<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben wurde zur heiligen Pflicht, M\u00fc\u00dfiggang zur S\u00fcnde. Arbeit stieg zur zentralen Gr\u00f6\u00dfe auf. Sozialismus-Erfinder <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Marx\">Karl Marx<\/a> verkl\u00e4rte die Arbeit zum Zentrum der Menschwerdung und Weltendeutung.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><em><b>Verr\u00fcckt nach Arbeit<\/b><\/em><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im M\u00e4rchen vergoldet Frau Holle die flei\u00dfige Bettenaufsch\u00fcttlerin, \u00fcber die Faule kippt sie Pech. <strong>Seit Hunderten Jahren wird uns eingetrichtert, dass das Gl\u00fcck den Flei\u00dfigen geh\u00f6rt.<\/strong> Kein Wunder, dass wir verr\u00fcckt nach Arbeit wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In der DDR galt Arbeitspflicht.<\/strong> Wer sich entzog, wurde als &#8218;asozial&#8216; gebrandmarkt und musste Gef\u00e4ngnis f\u00fcrchten. Im vereinten Deutschland ernten Frauen schiefe Blicke, wenn sie &#8217;nur Hausfrau und Mutter&#8216; sind. Dauerarbeitslose werden in &#8218;Ma\u00dfnahmen&#8216; berufsgest\u00e4hlt &#8211; eine teure und oft vergebliche Besch\u00e4ftigungstherapie. Hauptsache, man tut was. M\u00fc\u00dfiggang ist aller Laster Anfang, sagt der Volksmund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Es gibt kein Recht auf Faulheit,<\/em> sagte Ex-Kanzler Gerhard Schr\u00f6der.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Nichtstun ist uns h\u00f6chst verd\u00e4chtig.<\/strong> Ein Faulpelz hat nicht viel zu erwarten in unserer Gesellschaft, in der es \u00fcblich geworden ist, mit Stress anzugeben: Wer noch keinen Burnout hatte, hat noch nie f\u00fcr was gebrannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich &#8211; so\u00a0f\u00e4hrt\u00a0Daubitz\u00a0weiter fort &#8211;\u00a0neulich im ICE von Frankfurt nach Hamburg fuhr, sah mein Gegen\u00fcber &#8211; ein beschlipster Mittzwanziger &#8211; mich irritiert an. Weil mein Handy nie klingelte? Weil ich mein Notebook nicht aufklappte, sondern die ganze Zeit nur las? Und zwar<em> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=6oMPfw7XT3w\">Mu\u00dfe. Vom Gl\u00fcck des Nichtstuns<\/a><\/em><em>\u00a0&#8211; <\/em>eine unterhaltsame Mischung aus Essay, Ratgeber und wissenschaftlicher Analyse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Physiker und Publizist <a href=\"http:\/\/www.ulrichschnabel.de\">Ulrich Schnabel<\/a> beschreibt darin die Ursachen der allgemeinen Zeitnot (fast s\u00e4mtlich hausgemacht) und hat Tipps parat f\u00fcr alle, die dem Drang zum Immer-mehr und Immer-schneller widerstehen wollen. (Zum Beispiel: am Sonntag alle Uhren in den Schrank packen.) <strong>Schnabels Credo: Im System der Gehetzten kommt man nicht umhin, auch die Mu\u00dfe zu planen. Das klingt schon wieder verdammt nach Arbeit.<\/strong><\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\"><b>Arbeitsvermeidung als Strategie<\/b><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Versuch, Arbeit zu vermeiden, sind die besten Ideen entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Johannes Gutenberg war zu faul, B\u00fccher abzuschreiben. Karl Benz war zu faul, zu Fu\u00df zu gehen. Der Taschenrechner wurde erfunden, weil intelligente Menschen zu faul zum Kopfrechnen waren. Angesichts der technischen Wunderwerke m\u00fcssten wir heute mehr Zeit f\u00fcr Mu\u00dfe haben als alle Generationen vor uns. Pustekuchen.<strong> Im immer schnelleren Hamsterrad von G\u00fctern, Geistessch\u00f6pfungen und Geld fehlt uns die Kraft f\u00fcr einen Richtungswechsel.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Aktivurlaub hilft nicht.<\/strong> Denn da geht es auch wieder darum, Neues h\u00f6chst effizient zu erleben. Fallschirmspringen, Tiefseetauchen und Extrembergsteigen f\u00fcr jedermann sind Ausdruck sportlicher Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung. Was als Urlaubsflirt beginnt, endet mit Beziehungsarbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>An der Unf\u00e4higkeit zur Mu\u00dfe leiden aber nicht nur erfolgreiche Manager<\/strong>, <\/em>schreibt <a href=\"http:\/\/www.ulrichschnabel.de\/de\/\">Ulrich Schnabel<\/a><em>, <strong>sondern paradoxerweise auch jene, die ihre Arbeit verloren haben, <\/strong>die Ausgesonderten, Erwerbslosen, Zwangsentschleunigten. <strong>Denn in einer Leistungsgesellschaft, die das Wachstum, den Konsum und die Erlebnismaximierung feiert, wird das Nichtstun zum bitteren Genuss.<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Berliner Spa\u00df-Guerilla &#8218;Die Gl\u00fccklichen Arbeitslosen&#8216; geht das Getue mit der Arbeitsmoral gr\u00fcndlich auf den Geist. Statt Tr\u00fcbsal zu blasen, solle man sich lieber einen sch\u00f6nen Lenz machen: &#8218;Immerhin verf\u00fcgen alle Arbeitslosen \u00fcber eine preiswerte Sache: Zeit. Das k\u00f6nnte ein historisches Gl\u00fcck sein, ein vern\u00fcnftiges, sinn- und freudvolles Leben zu f\u00fchren.&#8216;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Aber erst einmal m\u00fcsste das versch\u00fcttete Wissen von der aufbauenden Kraft der Ruhe wiedergewonnen werden.<\/strong> Also fangen wir am besten sofort damit an, gelegentlich so richtig faul zu sein, eine Arbeit bewusst von uns zu weisen, uns zu entspannen, herumzugammeln, uns komplett sinnlose Hobbys zu suchen, Freunde zu treffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Ende des zitierten Artikels von\u00a0Udo Taubitz)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereits ver\u00f6ffentlichte Beitr\u00e4ge zum Thema <strong>Entschleunigung<\/strong>:<br \/>\n<a title=\"Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4323\"><em>Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4272\"><em>Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4301\"><em>Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Selbstoptimierung\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4547\"><em>Selbstoptimierung<\/em><\/a><br \/>\n<a title=\"Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4303\"><em>Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein<\/em><\/a><\/p>\n<p>Folgende Beitr\u00e4ge dazu sind noch in der Pipeline:<br \/>\n22.12.\u00a0<a title=\"Je schneller, desto reicher\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4340\">Je schneller, desto reicher<\/a><br \/>\n24.12.\u00a0<a title=\"Zwei Minuten Nichtstun\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4446\">Zwei Minuten Nichtstun<\/a><br \/>\n25.12.\u00a0<a title=\"Macht uns ein schnelleres Leben krank?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4355\">Macht uns ein schnelleres Leben krank?<\/a><br \/>\n28.12.\u00a0<a title=\"Selbst Schuld oder Fehler im System?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4353\">Selbst Schuld oder Fehler im System?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Smartphone ausstellen, F\u00fc\u00dfe hochlegen, Seele baumeln lassen: Nichtstun. Der Traum vom M\u00fc\u00dfiggang ist alt &#8211; und brandaktuell. Dabei macht Faulsein jede Menge Arbeit.\u00a0Das meint zumindest Udo Taubitz, der in\u00a0seinem Artikel Leistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit\u00a0(SPIEGEL ONLINE, 13.06.12) dem Ph\u00e4nomen nachgeht. (Anmerkung: F\u00fcr Taubitz ist Faulheit = M\u00fc\u00dfiggang, was ich jedoch begrifflich unterscheide \u2192Blogbeitrag\u00a0Faulheit\u00a0\u2260 Mu\u00dfe\u00a0\u2260 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[14],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4313"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4313"}],"version-history":[{"count":42,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6385,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4313\/revisions\/6385"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dilettanti.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}