{"id":4301,"date":"2014-12-13T06:03:23","date_gmt":"2014-12-13T05:03:23","guid":{"rendered":"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4301"},"modified":"2016-08-23T10:59:12","modified_gmt":"2016-08-23T09:59:12","slug":"die-westliche-arbeitsmoral-eine-christliche-tugend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dilettanti.eu\/?p=4301","title":{"rendered":"Die westliche Arbeitsmoral \u2013 eine christliche Tugend?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Warum f\u00e4llt es uns so schwer faul zu sein? Dieser Frage geht <a href=\"http:\/\/www.google.de\/imgres?imgurl=http:\/\/www.migrosmagazin.ch\/_storage\/asset\/2992741\/storage\/mymi:image-zoom_1\/file\/7407697\/04035754.jpg&amp;imgrefurl=http:\/\/www.migrosmagazin.ch\/menschen\/interview\/artikel\/faul-sein-ist-gut-und-tut-gut&amp;h=600&amp;w=800&amp;tbnid=-Qtm2RYN_qF2fM:&amp;zoom=1&amp;tbnh=96&amp;tbnw=128&amp;usg=__raUIboM0EmHtsPrsOy07gI0350c=&amp;docid=5pjnuuTF6zgP3M&amp;client=safari&amp;sa=X&amp;ei=MJV5VPB2y8o5x6SAyAU&amp;ved=0CEEQ9QEwBQ&amp;dur=8425\">Prof. Manfred Koch<\/a> in seinem Buch <em><a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/manfred-koch\/faulheit.html\">Faulheit. Eine schwierige Disziplin<\/a><\/em>\u00a0aus kulturhistorischer Sicht nach. Im folgenden Beitrag zitiere ich Passagen eines Interviews mit Prof. Koch. Komplett zum Nachh\u00f6ren <a href=\"http:\/\/cdn-storage.br.de\/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-bG\/_AES\/5A86_2rH\/141031_0905_radioWissen_Faulheit-oder-Musse---Gespraech-mit-Prof-Ma.mp3\">hier<\/a>.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gesellschaftliche \u00c4chtung der Faulheit &#8211; immer im Sinne von Mu\u00dfe (\u2192Blogbeitrag <a title=\"Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4323\">Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit<\/a>) &#8211; ist zwar ein neuzeitliches Ph\u00e4nomen. Aber die Wurzeln, so Prof. Koch, liegen auch ma\u00dfgeblich in unserer christlich gepr\u00e4gten Kultur:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>In der Genesis 3, also die ber\u00fchmte Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, da ist der Mensch schlagartig zur Arbeit verdammt worden. Adam und Eva haben ges\u00fcndigt und haben vom Baum der Erkenntnis gegessen. Werden daf\u00fcr vertrieben und dann hei\u00dft es ja in dieser ber\u00fchmten Passage im 1. Buch Mose, dass der Mann ab jetzt im Schwei\u00dfe seines Angesichts den Acker bestellen muss und die Frau unter Schmerzen geb\u00e4ren. Aber nat\u00fcrlich auch sonst arbeiten muss. Also das w\u00e4re sozusagen ein historischer Einschnitt, jedenfalls in der Mythologie. <strong>Und in gewisser Weise muss man sagen, ist die christliche Religion eine Arbeitsreligion.<\/strong> Sie finden beispielsweise im Neuen Testament diesen ber\u00fchmten Satz im Paulus-Brief an die Thessaloniker:<strong>\u00a0\u201aWer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.\u2032<\/strong>\u00a0Auf der anderen Seite gibt es auch eine Geringsch\u00e4tzung der Arbeit in der Bibel: Christus hat seine J\u00fcnger von der Arbeit wegberufen und hat das Kontemplative der Religion, das rituelle Leben, als das eigentliche ausgezeichnet. Also das ist doch eine widerspr\u00fcchliche, also zweischneidige Angelegenheit. (&#8230;)<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Es gibt einen ber\u00fchmten Text \u201aDie protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus\u2032 von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Weber\">Max Weber<\/a>, eigentlich dem Begr\u00fcnder der deutschen Soziologie, in der er die These aufstellt, dass es vor allem der Protestantismus war, der dann auch diese sprichw\u00f6rtlich \u201a<strong>protestantische Arbeitsmoral\u2032<\/strong>\u00a0hervor gebracht hat. Und bis zu einem gewissen Grad kann man das auch tats\u00e4chlich unterschreiben, dass sich vor allem in calvinistischen Kulturen dieser extreme Arbeitsethos durchgesetzt hat. (&#8230;) Und das gerade in den USA, dem Land, das urspr\u00fcnglich von Puritanern bev\u00f6lkert wurde, zu einer allgemeinen Arbeitsbesessenheit gef\u00fchrt hat. <strong>Also die Gesellschaft, die mit Sicherheit am st\u00e4rksten von dieser calvinistischen Arbeitsbesessenheit gepr\u00e4gt ist, das ist nat\u00fcrlich die Gesellschaft der USA, die urspr\u00fcnglich ja von puritanischen Auswanderern begr\u00fcndet wurde und da kann man das im Grunde ja heute noch sehr gut verfolgen.<\/strong> Auch die Verkn\u00fcpfung von Religiosit\u00e4t und Arbeitsmoral. Also die Vorstellung, dass, wer nicht gesellschaftlich durch seine Arbeit erfolgreich ist, dann gewisserma\u00dfen auch nicht von Gott ausgezeichnet wird.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein\u00a0\u2013\u00a0wie ich finde\u00a0\u2013\u00a0durchaus interessanter Aspekt &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean-Jacques_Rousseau\">Jean-Jacques Rousseau<\/a> (1712-1778) meinte dazu bereits vor mehr als 250 Jahren (<em>Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes<\/em>, 1762):<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><i>Freilich ist es f\u00fcr den Staat sehr bedeutsam, dass jeder Staatsb\u00fcrger seine Religion habe, <\/i><i style=\"line-height: 1.714285714; font-size: 1rem;\">die ihn seine Pflichten lieben l\u00e4sst.<\/i><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\">Und in seinem Werk <em>\u00dcber die staatsb\u00fcrgerliche Religion<\/em>\u00a0kam er zu folgender, recht drastischen Interpretation:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0<i>Das Christentum predigt nur Knechtschaft und Unterwerfung. Sein Geist ist der Tyrannei nur zu g\u00fcnstig, als dass sie nicht immer Gewinn daraus geschlagen h\u00e4tte. Die wahren Christen sind zu Sklaven geschaffen.<\/i><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind wir dann heute die modernen Sklaven geworden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Prof. Koch beantwortet es wie folgt: <em>Ja.(..) <strong>Wir sind eigentlich \u00fcbergegangen zu einer Selbstversklavung unglaublichen Ausma\u00dfes.<\/strong> Also eine Tyrannei, die wir uns selber durch unsere Arbeitswilligkeit, unsere Arbeitsbesessenheit auferlegt haben. Heute sind es diese ganzen Bereiche, wie Selbstmanagement, Selbstoptimierung, in der wir uns mehr und mehr auch verwandeln in ein &#8218;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/gesundheit\/ernaehrung\/quantified-self-bewegung-miss-dich-selbst-a-886149.html\">quantified self<\/a>&#8218;,\u00a0also dass wir uns mehr und mehr als Datenmenge erfassen, die man (&#8230;) eben durch Messung noch steigern kann.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>So sind wir auf dem besten Weg noch leistungsf\u00e4higere Subjekte zu werden. Und das ist nat\u00fcrlich eine Form von Sklaverei \u2013 von Selbstsklaverei.<\/strong><\/p>\n<p>Auch hierzu wurde ich bei Rousseau f\u00fcndig (Quelle: <em>Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes<\/em>, 1762):<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em><strong>Der Mensch wird frei geboren, und \u00fcberall liegt er in Ketten. Mancher h\u00e4lt sich f\u00fcr den Herrn seiner Mitmenschen und ist trotzdem mehr Sklave als sie.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>P.S. Bereits ver\u00f6ffentlichte Beitr\u00e4ge zum Thema <strong>Entschleunigung<\/strong>:<br \/>\n<a title=\"Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4323\">Freizeit \u2260 Mu\u00dfe \u2260 Faulheit<\/a><br \/>\n<a title=\"Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4272\">Das Ph\u00e4nomen der Zeitnot<\/a><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Folgende Beitr\u00e4ge dazu sind noch in der Pipeline:<br \/>\n16.12.<a title=\"Selbstoptimierung\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4547\"> Selbstoptimierung<\/a><br \/>\n18.12.\u00a0<a title=\"Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4303\">Mu\u00dfe will einge\u00fcbt sein<\/a><br \/>\n20.12.\u00a0<a title=\"\u201cLeistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit\u201d\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4313\">\u201cLeistungsdruck: Ein Hoch auf die Faulheit\u201d<\/a><br \/>\n22.12.\u00a0<a title=\"Je schneller, desto reicher\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4340\">Je schneller, desto reicher<\/a><br \/>\n24.12. <a title=\"Zwei Minuten Nichtstun\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4446\">Zwei Minuten Nichtstun<\/a><br \/>\n25.12.\u00a0<a title=\"Macht uns ein schnelleres Leben krank?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4355\">Macht uns ein schnelleres Leben krank?<\/a><br \/>\n28.12.\u00a0<a title=\"Selbst Schuld oder Fehler im System?\" href=\"http:\/\/dilettanti.eu\/?p=4353\">Selbst Schuld oder Fehler im System?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum f\u00e4llt es uns so schwer faul zu sein? 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